Die Kurz-Geschichten von der Krähe und dem Wolf

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Freitag, der 22.03.2019

Die Krähe

Der Fuchs fing eine unachtsame Krähe und gedachte, sie zu verspeisen. Die Krähe, dem Ende nahe, sprach: „Gewähre mir noch eine letzte Frage, bevor du mich verschlingst.“.
„ Wohlan,“ sprach der Fuchs „ wie lautet sie?“.
„ Wenn du wüsstest, dass dein letzter Lebenstag anbräche, was würdest du dann noch unternehmen?“. Der Fuchs grübelte. Was würde er dann tun? Seinen kranken Bruder besuchen? KraeheSeine alte Mutter noch einmal sehen? Seine Schulden bezahlen? Die Grübelei lenkte ihn von der Krähe ab und so gelang ihr die Flucht.Diese Begebenheit wurde von einem Wurm, der sich im Laub eines nahen Baumes versteckte, miterlebt und er prägte es sich ein, wie die Krähe den Fuchs übertölpelte.Das Frühjahr zog ins Land und überall grünte und blühte es.Die Krähe war auf der Suche nach etwas Essbarem und ergatterte den Wurm. Da besann sich der Wurm auf das Erlebte und sprach: „ Liebe Krähe, was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass dein letzter Tag anbräche?“. Die Krähe überlegte ein wenig und sprach: „ Ich würde mich noch einmal richtig stärken.“. Und mit diesen Worten verschlang sie den Wurm.

Copyright 2010 Detlef Thiele

Die Geschichte vom Wolf, der singen wollte

Es lebte vor sehr langer Zeit ein Wolf in einem sehr finsteren Wald. Er war von dem Gedanken beseelt, das Singen zu erlernen. Doch an wen er sich auch wandte, niemand wollte es ihm beibringen. Zu ängstlich waren die Tiere, denn sie befürchteten, gefressen zu werden. Dem Wolf wurde das Herz schwer und so entschloß er sich, den Wald zu verlassen und einen willigen Lehrmeister zu finden. Je näher er dem Waldrand kam, desto mehr faszinierten ihn die leuchtenden Farben der Farne und Blätter, denn in dem dunklen Wald hatte er solch eine Farbenpracht nie zuvor gesehen. Sein Weg führte ihn an einem Weiher vorbei, an dessen Ufer sich zwei Frösche tummelten. Laut quakend unterhielten sie sich. Dem Wolf klangen diese Töne gänzlich unbekannt und so nahm er allen Mut zusammen und fragte die beiden, ob sie ihm nicht diesen Gesang lehren wollten. "Du bist uns ja ein seltsamer Geselle. Aber sei's drum, wir wollen es versuchen.", erklärte sich der ältere Frosch. Er hub an, die Luft einzusaugen und sein Hals glich einem großen, grünen Ballon. Dann erscholl ein lautes "Quaaaaak, quaaaak." WolfDer Wolf versuchte, ihm nachzuahmen. Doch wie sehr er sich auch bemühte, aus seinem Maul kam nur ein tiefes Knurren. Daraufhin erschraken die Frösche und suchten ihr Heil im Wasser des Weihers.
Der Wolf machte sich wieder auf und sein Weg führte ihn an saftige Weiden vorbei. Schmetterlinge umgaben ihn und tanzten lustig um seine Nase herum. Auf einem Zaun saß ein Rabe, der sich in der Mittagssonne wärmte. "Lieber Freund, wie steht es mit deiner Sangeskunst? Könntest du mich nicht darin unterrichten?", fragte der Wolf. " Selbstverständlich. Du hast deinen Lehrmeister gefunden.", sprach der Rabe und begann aus lauter Kehle zu krächzen.
Dem Wolf schmerzten davon die Ohren und er sann darauf, sich schleunigst zu entfernen. Doch er wollte nicht unhöflich sein und so entgegnete er dem Raben: "Die Qualität deines Gesanges werde ich nie erreichen. Es wäre deinerseits vergebene Liebesmüh'."
Der Rabe fühlte sich geschmeichelt und krächzte noch lauter, worauf der Wolf hinwegeilte, so flink ihn seine Pfoten trugen.
Nach einer Weile hielt er erschöpft inne und suchte sich ein schattiges Plätzchen unter einem Busch. Das leise Säuseln des Windes drang an sein Ohr und in der Ferne hörte er eine Grille zirpen. Es wurde ihm ganz wohlig um's Herz. Eine Amsel setzte sich auf einen Zweig des Busches und sang ihr Lied. Verträumt lag der Wolf da und lauschte dem Konzert. Eine kleine Spitzmaus riss ihn aus seinen Träumen.
"Guten Tag, Herr Wolf. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches? Sie müssen wissen, daß ich hier meine Wohnung habe und Sie mit Ihren riesigen Pfoten meinen Hauseingang versperren." Der Wolf erwiderte:" Ach, gute Frau Maus. Nun habe ich versucht, einen Lehrmeister im Gesang zu finden und bin doch nicht fündig geworden."
" Das erscheint mir recht seltsam. Aber ich will Ihnen aus Ihrer Trübsal helfen. Bleiben Sie bis zur Nacht, dann will ich den Unterricht eröffnen.", antwortete die Maus.
" Sie können singen? Wohlan, ich werde bleiben.", sprach der Wolf und im Innersten wollte er vor Freude zerspringen.
Langsam zog die Abenddämmerung über die Felder und der Mond begann seinen Nachtlauf am Firmament. " Nun wollen wir beginnen, verehrter Herr Wolf. Schauen Sie sich ganz genau den Mond an.". Mit diesen Worten begann die Maus die erste Lektion. Der Wolf folgte der Aufforderung und je mehr sein Blick sich in dem fahlen Licht des Mondes fing, desto größer wurde der Drang zu singen. Schier unbesiegbar schien dieser Zwang den Wolf zu umfangen. Und mit einem Male heulte er in den höchsten Tönen. Immer und immer wieder erklang sein Gesang und durchschnitt die Nachtruhe.
Erst nach Stunden ließ seine Stimme nach. Er wandte sich mit dankbarem Blick zur Maus, die sich geschwind zwei Weidenkätzchen aus den Ohren zog. " Nun lieber Herr Wolf, ich glaube, Sie brauchen keine weitere Unterrichtsstunde. Manchmal wissen wir nicht um unsere Fertigkeiten, die in uns schlummern. Man muß sie nur wecken.", entrichtete sie dem willigen Schüler.

Copyright 2010 Detlef Thiele