Die Geschichte von der Glückssuche

Smiley
nasowatt
nasowatt
Freitag, der 24.05.2019

Es war Frühling und die ersten warmen Sonnenstrahlen überfluteten die noch kalte Erde. Die Bäume zeigten die ersten Knospen und die Krokusse steckten ihre vorwitzigen Köpfe heraus, um das Sonnenlicht zu genießen. Hier und da sangen die Vögel ihre Weisen und begrüßten so das erwachende Leben.
In dieser herrlichen Zeit machten sich der Fuchs und der Esel gemeinsam auf, das Glück zu suchen. Der Esel, der ein wenig naiv war, fragte den Fuchs: „ Wenn wir nun das Glück finden, wie sieht es aus? Welche Farbe und welche Form hat es? Wie schmeckt es?“
Der Fuchs erwiderte: „ Du kannst das Glück weder schmecken noch riechen. Es ist unsichtbar!“
Darauf der Esel: „ Und wie wollen wir es dann erkennen?“ Der Fuchs antwortete nicht und sie gingen still ihren Weg dahin. Nach geraumer Zeit kamen sie an einen Fluss, der durch das Schmelzwasser der Berge zu einer reißenden und gurgelnden Flut herangewachsen war. Weit und breit war kein Steg zu sehen, nur ein großer Baum in Ufernähe streckte den beiden einen Ast entgegen. „ So,“ sagte der Fuchs: „ hier trennen sich unsere Wege. Du bist zu schwer, um über den Ast an das andere Ufer zu kommen. Ich wünsche dir viel Glück.“. Und mit diesen Worten sprang der Fuchs dem Ast entgegen. Als er die Mitte des Astes erreichte, brach dieser und der Fuchs fiel in das tosende Wasser, welches ihn verschlang.
Der Esel stand nun alleine da und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Nachdem einige Zeit verstrichen war, machte er sich ziellos auf und folgte dem Flussufer. Nach etlichen Stunden des Dahintrottens erspähte er eine Brücke. „ Wenn das der Fuchs erleben könnte.“, dachte sich der Esel und ging sicher zum anderen Ufer. Nach einer Weile sah er den Fuchs völlig erschöpft und durchnässt am Wegesrand liegen.
„ Du lebst! Welche Freude. Erzähle, was passiert ist!“ rief der Esel und sprang aufgeregt hin und her.
„ Ich hatte Glück und wurde gegen einen vorstehenden Felsen gespült. Ich bin an ihm heraufgeklettert und konnte mich retten.“ , flüsterte der Fuchs.
„ Wenn Du so viel Glück hattest, hast Du auch für mich ein wenig übergelassen?“, fragte der Esel.Der Fuchs ließ diese Frage unbeantwortet. Schweigend machten sie sich wieder auf den Weg. Sie kamen an einem Bauernhof vorbei und da dem Fuchs der Magen knurrte, sprach er zum Esel: „ Ich verlasse dich jetzt und stehle mir ein Huhn. Ich wünsche dir viel Glück auf deinem Weg.“. Mit diesen Worten schlich der Fuchs dem Hühnerstall entgegen. Nach einer Weile sah der Esel, wie der Bauer mit einem Gewehr aus dem Haus rannte und den flüchtenden Fuchs verfolgte. Von weitem hörte er Schüsse, dann folgte Stille.
Traurig schlich der Esel weiter. Nach einiger Zeit fand er einen Heuballen, den jemand verloren hatte. Da auch der Esel hungrig war, fraß er das Heu mit Hochgenuss. Nach dem Mahl ging er zufrieden seinen Weg. Und wieder traf er den Fuchs, der sich eine blutende Wunde am Hinterlauf leckte.
„ Du lebst! Und ich dachte schon, dass dich der Bauer erwischt hat.“, jubelte der Esel.
„ Ich hatte Glück und der Bauer fiel bei der Verfolgung über einen Stein. So konnte ich entkommen.“, entgegnete der Fuchs.
„ Und?“, fragte der Esel: „Hast Du mir ein bisschen Glück mitgebracht?“
Auch diesmal schwieg der Fuchs. Sie gingen ihren Weg und es wurde Abend. Der Fuchs war müde und hungrig. Sie kamen an einem leeren Dachsbau vorbei. „Welch ein Glück. In dem Bau kann ich mich ausruhen.“, sprach der Fuchs. Als er vor der Öffnung stand und sich daranmachte, in den Bau zu krabbeln, schoss der eigentliche Besitzer hinter einer Hecke hervor und es entbrannte ein schrecklicher Kampf. Der Fuchs verlor und ließ sein Leben.
Der Esel machte sich mit einem einsamen Gefühl in der Magengegend wieder auf. Die einzigen Begleiter waren die letzten Sonnenstrahlen des verstreichenden Tages. Sein Weg kreuzte den eines alten Mannes, der eine schwere Holzkiepe auf dem Rücken trug. Voller Mitleid über die schwere Last bot sich der Esel als Tragtier an. Dankend nahm der alte Mann das Angebot an.
Zuhause angekommen, wurde dem Esel als Dankeschön der Platz in einem Stall angeboten.
Als der Esel sich anschickte, auf dem frisch ausgebreiteten Stroh einzuschlafen, überdachte er die Geschehnisse des Tages.
„ Nun hatte der Fuchs so viel Glück und was hat es ihm eingebracht? Zuletzt gab er dafür sein Leben. Das Glück scheint voller Gefahren zu sein. Ich werde nicht weiter nach dem Glück suchen, da es nur unter bedrohlichen Umständen zu finden ist.“
Und mit diesen Gedanken schlief der Esel glücklich und zufrieden ein.

Copyright 2010 Detlef Thiele