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nasowatt
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Freitag, der 24.05.2019

Haben Sie schon mal eine psychosomatische Kur durchlebt? Nein? Sie fragen sich vielleicht: Warum auch, mir geht es gut. Es steckt ja das Wort Psyche im Begriff und das ist ja nur etwas für labile Menschen, die seelische Probleme haben.

Vor Jahren habe ich auch so gedacht und diese Begriffe waren mir suspekt. In unserer Gesellschaft gilt es, leistungsstark zu sein und vor Kraft zu strotzen. Die Erkrankung schleicht sich behutsam und leise heran. Vielleicht mal Kopfschmerzen oder schlaflose Nächte, dann Nervosität und Gewichtsverlust oder -zunahme. Irgendwann leidet man unter Konzentrationsschwächen und die Arbeit erscheint einem wie ein riesiger, unüberwindbarer Berg. Der Körper beginnt sich zu wehren und setzt die inneren Ampeln auf Rot.

Wir sind vor dieser schleichenden Erkrankung nicht gefeit und sie muss mit den richtigen Mitteln behandelt werden. Ein Leugnen macht uns nicht gesünder. Selbst wenn wir nicht im Berufsleben stehen, können uns Depressionen und Mutlosigkeit zu schaffen machen. Das Selbstwertgefühl schwindet und die Welt erscheint grau.

Was geschieht nun in solch einer psychosomatischen Kur?

Ankunft

Der erste Tag verlor sich in Begrüßung, kurzer Einweisung, einem gemeinschaftlichen Mittagessen der Neuankömmlinge und ärztlicher sowie psychologischer Untersuchung.
Ich wurde nach meinem Hauptanliegen dieser Kur gefragt. Die Antwort lautete:"Ich möchte meinen Körper vor meiner Psyche besser schützen können."
Der WegDer erste Kontakt mit anderen Patienten, die schon längere Zeit in der Kur verweilten, war herzlich und offen. Ich wurde von ihnen eingeladen, an den Abenden doch mal das "Wohnzimmer", welches der Aufenthaltsraum dieser Station war, zu besuchen. Auch das Willkommensschild an meiner Tür machte den Einstieg zur Reha leicht. Um es vorweg zu nehmen: Jeder scheidende Patient erschuf für den unbekannten Nachfolgenden ein Schild, so auch ich vor meiner Abreise, wie links zusehen ist.
Am Ende des ersten Tages schloss ich erschöpft diese Tür samt Türschild. All die neuen Eindrücke hatten doch sehr an meinen Kräften gezehrt. Etwas beschäftigte mich noch: Während der psychologischen Untersuchung wurde ich gefragt, ob ich die Kur nicht von vier auf sechs Wochen verlängern wollte. Ich verschob die Antwort in die nächsten Tage hinein.

Die ersten Schritte

Am nächsten Tag hielt ich den ersten Wochenplan in den Händen. Der Plan sah sehr übersichtlich aus, da nur wenige Termine eingestellt waren. Die Reha-Massnahme setzte den Schwerpunkt auf Gruppentherapie und so sass ich in meiner ersten Gruppen-Runde aufgeregt auf dem Stuhl. Ich machte Bekanntschaft mit der Bezugs-Therapeutin. In einer kurzen Vorstellung erzählten wir von uns und es fragte keiner, was man besitzt oder im Leben darstellt. All diese vermeintlichen Prämissen des Lebens waren nicht ausschlaggebend. Eine ganz besondere Atmosphäre umgab diesen Ort, der geschützt durch eine Art Käseglocke die Aussenwelt fernhielt. Die Gruppen-Runde nahm einen interessanten Verlauf und bestärkte mich darin, das Richtige für mich getan zu haben.

Viel Zeit

Enthoben aller Verpflichtungen, hatte ich viel Zeit zur freien Verfügung. Was fand sich nicht alles im Reisegepäck: das Notebook, die Gitarre und Bücher. Vor der Anreise nahm ich mir noch vor, viel zu musizieren. Doch die vermeintliche Masse an Zeit schmolz in den Tagen des Aufenthaltes dahin. Es verging kaum ein Tag, an dem die Gedanken schwiegen. In Zusammensein mit anderen spiegelte sich meine eigene Situation wider. War es wirklich nur der Anspruch an diese Reha, den Körper vor der Psyche zu schützen? Waren nicht meine geistigen Ressourcen so langsam am Schwinden? Hatte ich nicht Raubbau am eigenen Leib betrieben? Doch was trieb mich zu solch einer Haltung? Warum indentifizierte ich mich so stark über Leistung? All diese Fragen suchten in mir eine Antwort.
Die Abende waren erholsam. Wir trafen uns im Wohnzimmer, unterhielten uns, lachten, strickten (ich war nur Passiv-Stricker, d.h. ich sah zu), spielten Romme und gingen hin und wieder in die Raucherecke. Auch dort tauschten wir uns in mancherlei Gesprächen aus und lernten andere Patienten kennen. Gitarre, Notebook und Bücher kamen kaum zum Einsatz.
Im Umgang mit anderen Menschen in der Reha erfuhr ich, wie diese mich sahen und einschätzten. Die Sichtweise verwunderte mich sehr, da ich eine völlig andere Selbsteinschätzung hatte. Je mehr ich mich mit diesen unterschiedlichen Aussagen beschäftigte, desto mehr wollte ich wissen, welche Umstände mir mein Selbstbild vermittelt hatten. Der erste Ansatz war die Arbeit mit dem inneren Kind. Viele unserer Verhaltensweisen erlernten wir in der Kindheit. Auch der Aufbau unserer inneren Landkarte vollzog sich in dieser Zeit. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war unerlässlich. Manche Ängste kamen wieder hervor, manches Missverstehen bekam wieder ein Gesicht. Der innere Dialog mit dem kleinen Kind war Schwerstarbeit. Da ich jedoch mit dieser Arbeit nicht alleine dastand, konnte ich mich innerhalb des Patientenkreises mit anderen austauschen.

Wohlgefühl

Wir waren schon eine coole Truppe. Irgendwie formierte sich ein Kreis aus ca. acht Personen, die oft beieinander waren. Wir lachten viel, tranken auch mal am Abend einen Wein in der Stadt und hatten für den anderen viel Verständnis. Noch heute verspüre ich eine tiefe Verbundenheit mit ihnen. Das Gefühl des Alleinseins kam nicht auf. Jede neue Erkenntnis wurde geteilt. Und immer wenn einer heim fuhr, wurde es im Herzen schwer. Wenn man Freunde sucht, so findet man sie in der Kur.

Aufstehen und gehen

In den Wochen der Kur wurde uns vieles an die Hand gegeben um die Widrigkeiten des Lebens zu meistern. Es war ein Leitfaden und die schwerste Arbeit war und ist das Umsetzen in "freier Wildbahn". Uns wurde vermittelt, dass unsere geistigen Beine stark genug sind um durch das Leben zu gehen. So manche Ängste wurden gemindert und mussten dem Mut weichen. Es ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Wer erwartet, dass eine psychosomatische Kur allein die Gesundung schafft, wird doch enttäuscht erkennen müssen, dass die Hauptarbeit nach der Kur ansteht.

Danach

Nach einer Kur ist vieles anders. Oft sind die engsten Mitmenschen irritiert, weil sie den Veränderungsprozess nicht miterlebten. Hier helfen Gespräche und gegenseitiges Verständnis.

Gesund

So, wie der schleichende Krankheitsprozess langsam mehr und mehr Raum einnahm, kehrt die Gesundheit über eine längere Genesungsphase zurück. Wenn wir die innere rote Linie und die Konsequenzen des Überschreitens ernst nehmen, wird sich die Seele zum grössten Teil regenerieren.

Detlef Thiele, im Jahre 2016

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Erfahrungen mit einer psychosomatischen Kur